ATHEM-3-Studie – Chromosomenschäden bei Anwohnern von Mobilfunk-Basisstationen
Doppelblinde Feldstudie zeigt signifikant erhöhte genetische Instabilität bei chronischer Langzeitexposition unterhalb geltender Grenzwerte
Die ATHEM-Studienreihe (Athermische biologische Wirkungen von elektromagnetischen Feldern) untersucht langfristige Gesundheitseffekte nichtionisierender Hochfrequenzstrahlung (HF-EMF) von Mobilfunk-Basisstationen. ATHEM-3, die dritte und bisher methodisch ausgefeilteste Studie der Reihe, erschien am 29. Mai 2024 in Ecotoxicology and Environmental Safety als Open-Access-Publikation.
Studiendesign
Das Forschungsteam – geleitet von Prof. Wilhelm Mosgöller (Medizinische Universität Wien) und Prof. Igor Belyaev (Slowakische Akademie der Wissenschaften, Bratislava), mit Dosimetrie durch Dr. Dietrich Moldan – rekrutierte 24 gesunde Erwachsene mit Wohnsitz in ländlichem Deutschland.
Das Studiendesign war doppelblind: Weder die Teilnehmenden noch die Laboranalytiker in Bratislava wussten zum Zeitpunkt der Blutanalyse, welcher Gruppe (exponiert oder Kontrolle) die Proben zuzuordnen waren.
Die Exposition durch Mobilfunksignale (GSM 900 und LTE) wurde in den Schlafbereichen der Teilnehmenden präzise gemessen. Der Gruppenunterschied bei der MPBS-Signalexposition war signifikant, während die Exposition gegenüber rauminternen HF-EMF-Quellen (DECT, WLAN) zwischen den Gruppen nicht signifikant unterschiedlich war.
Die Trennschwelle zwischen den Gruppen lag bei 1000 µW/m² Leistungsflussdichte in der Schlafumgebung: Die exponierte Gruppe wies Werte über, die Kontrollgruppe Werte unter diesem Schwellenwert auf.
Zum Vergleich: Der geltende ICNIRP-Grenzwert für GSM 900 liegt bei ca. 4'500'000 µW/m². Die exponierte Gruppe war also bei unter 0,1 % des zulässigen Grenzwerts exponiert.
Analysen und Endpunkte
Am Institut Belyaevs in Bratislava wurden folgende Biomarker im Blut untersucht:
- Mikrokerne (MN): Fragmente genetischen Materials ausserhalb des Zellkerns – Marker für chromosomale Instabilität
- Chromosomenaberrationen (CA): Strukturelle Chromosomenschäden (azentrische Fragmente, dizentrischen Chromosomen u.a.)
- Comet-Assay: Mass für oxidativen Stress und DNA-Strangbrüche
Wichtigste Befunde
Die Chromosomenaberrationen waren in der exponierten Gruppe signifikant häufiger als in der Kontrollgruppe. Die hoch signifikanten Unterschiede deuten darauf hin, dass die Langzeiteinwirkung der Mobilfunkstrahlung von GSM- und LTE-Basisstationen mit der genetischen Instabilität assoziiert ist. Dass Chromosomenaberrationen, aber keine Mikrokerne gefunden wurden, kann ein Hinweis darauf sein, dass eine Schwelle für Mikrokerne existiert.
Dass mit der Zeitdauer der Exposition die Schäden ansteigen, ist eine der wichtigsten Schlussfolgerungen der Publikation. Bei Gewöhnungseffekten hätte man keinen solchen Zeittrend gefunden.
Die auffälligsten Korrelationen bestanden zwischen den verschiedenen Arten von Chromosomenaberrationen, die positiv mit den GSM- und LTE-Messungen korrelierten. Chromosomenaberrationen korrelierten negativ mit der Distanz zur nächsten Basisstation.
Einordnung der Autoren
Prof. Mosgöller formuliert das Ergebnis so: «Wir haben bei ATHEM-3 keinen Krebs nachgewiesen, aber die biologische Begründung und Plausibilität, wie Krebs durch Mobilfunk entstehen kann.»
Die Autoren bezeichnen die Befunde als Hinweis auf einen «biologisch plausiblen Mechanismus», wie HF-Strahlung Krebs verursachen könnte. Die Studie sei zwar klein, aber «provokativ».
Wichtig ist ein editorischer Hinweis: In der ursprünglich eingereichten Preprint-Fassung zogen die Autoren die Schlussfolgerung, die chronische Exposition gegenüber GSM-900- und LTE-Signalen sei «die wahrscheinlichste Ursache» für die erhöhte Rate an Chromosomenaberrationen. Diese Formulierung erscheint in der final publizierten Journalfassung nicht mehr. Die Schlussfolgerungen wurden damit in der veröffentlichten Version vorsichtiger formuliert.
Einschränkungen
Die wichtigste Limitation der Studie ist die kleine Stichprobengrösse (n=24). Die Autoren und unabhängige Kommentatoren sind sich einig, dass die Ergebnisse einer Replikation in grösseren, unabhängigen Kohorten bedürfen, bevor weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden können.
Einordnung in den Forschungsstand
Die Studie fügt sich in eine Metaanalyse von 30 publizierten Studien zu Basisstationen ein, die Prof. Michael Kundi (MedUni Wien) bereits 2014 durchgeführt hatte. In dieser Metaanalyse wurde ein erhöhtes Krebsrisiko bei Expositionen über 1000 µW/m² identifiziert – genau dem Trennwert, den ATHEM-3 als Gruppengrenze verwendet.
Relevanz für die Praxis
Die ATHEM-3-Studie ist aus vorsorglicher Sicht relevant, weil sie:
- Erstmals in einem doppelblinden Feldstudiendesign genetische Biomarker bei Anwohnern von Mobilfunk-Basisstationen untersucht hat
- Evidenz für athermische biologische Wirkungen weit unterhalb geltender ICNIRP-Grenzwerte liefert
- Einen dosisabhängigen (distanz- und zeitabhängigen) Effekt ohne Gewöhnung beschreibt
In der Schweiz gilt für Mobilfunk-Basisstationen an Orten mit empfindlicher Nutzung (Wohnungen, Schulen, Arbeitsplätze) ein Anlagegrenzwert von 6 V/m (9'500 µW/m²)gemäss NIS-Verordnung (NISV, Anhang 1). Dieser Wert ligt deutlich höher als die Expositionsschwelle, oberhalb derer ATHEM-3 signifikante Chromosomenschäden beobachtet. Das verleiht der Studie für die Schweizer Schutzdiskussion besondere Aktualität – und unterstreicht, dass der NISV-Anlagegrenzwert unter dem dem im UVG festgehaltenen Vorsorgeaspekt zu hoch festgelegt ist.
Eine Replikationsstudie mit grösserer Probandenzahl wäre dringend wünschenswert.