Schlechte Luft, schlechtere Leistung – was CO₂ und Feinstaub mit dem Denken machen
Aktuelle Forschung belegt messbare Leistungseinbussen schon bei moderaten Innenraumbelastungen
Wer sich im Büro nicht konzentrieren kann, schiebt das gerne auf Schlafmangel oder zu viel Kaffee. Ein unterschätzter Faktor steckt jedoch in der Luft selbst: Erhöhtes CO₂ und Feinstaub beeinträchtigen die kognitive Leistung – messbar, auch bei gesunden Erwachsenen, und bereits bei Konzentrationen, die in vielen Büros und Schulzimmern alltäglich sind.
Zwei aktuelle Studien der Harvard T.H. Chan School of Public Health schärfen das Bild.
Was CO₂ in Innenräumen bedeutet
CO₂ in der Raumluft entsteht durch Atemluft der Nutzenden. In gut belüfteten Räumen liegt die Konzentration bei 400–600 ppm. In schlecht belüfteten Klassenzimmern, Sitzungszimmern oder Homeoffices kann sie 1'500–3'000 ppm erreichen. CO₂ gilt klassischerweise als Lüftungsindikator: Hohe Werte zeigen an, dass auch andere Schadstoffe – VOC, Feinstaub, Bioaerosole – sich anreichern. Neuere Forschung deutet aber darauf hin, dass CO₂ zusätzlich direkt auf kognitive Prozesse wirkt.
Was die Studie von Dedesko et al. (2025) zeigt
Forscher der Harvard T.H. Chan School of Public Health nutzten eine besondere Gelegenheit: Nach der COVID-Pandemie hatten Universitäten die erhöhten Aussenluftmengen in Hörsälen beibehalten. Die Studie (Dedesko et al., Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology, April 2025) untersuchte Studierende in diesen Räumen und verknüpfte Echtzeit-Luftqualitätsdaten mit kognitiven Testergebnissen.
Das Resultat: Tiefere CO₂-Konzentrationen korrelierten mit besseren Testergebnissen – selbst im bereits vergleichsweise niedrigen Expositionsbereich. Die stärksten Zusammenhänge zeigten sich bei CO₂-Spitzen, die mit weiteren Innenluftschadstoffen zusammenfielen. Die Autoren schliessen daraus, dass erhöhte Lüftungsraten nicht nur die Infektionsübertragung reduzieren, sondern auch die kognitive Leistung fördern.
Ergänzende Daten aus der Harvard Healthy Buildings-Gruppe beziffern die Effekte konkreter: Jede 500-ppm-Zunahme von CO₂ verlangsamte die Reaktionszeit um 1.4–1.8 % und senkte die kognitive Durchsatzrate um 2.1–2.4 %. Jede 10-µg/m³-Zunahme von PM2.5 verlangsamte die Reaktionszeit um weitere 0.8–0.9 %.
Was eine Homeoffice-Studie ergänzt
Eine 2024 publizierte Längsschnittstudie (Harvard, 206 Teilnehmende über ein Jahr) untersuchte Wissensarbeiter im Homeoffice. Ein CO₂-Anstieg von 100 ppm senkte Kreativitätswerte in Flexibilität und Originalität um 4–11 %. Thermische Diskomfort – zu warm oder zu kalt – verstärkte die Beeinträchtigung zusätzlich. Da Homeoffices weder für hohe Personenbelegung noch für intensive Wissensarbeit ausgelegt sind, fallen Lüftungsdefizite dort besonders ins Gewicht.
Was noch offen ist
Die Kausalrichtung zwischen CO₂ und Kognition ist nicht abschliessend geklärt. Wirkt CO₂ direkt auf das Gehirn, oder ist es der gleichzeitige Anstieg anderer Substanzen? Studien mit isolierter CO₂-Injektion (ohne Lüftungsveränderung) finden konsistent schwächere Effekte als Studien, die die Lüftungsrate verändern. Das spricht für ein Zusammenspiel mehrerer Luftqualitätsparameter.
An der praktischen Schlussfolgerung ändert das nichts: Mehr Frischluft hilft – auch dann, wenn die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt sind.
Was das für Planung und Betrieb bedeutet
CO₂-Monitore sind ein günstiges, sofort einsetzbares Mittel zur Qualitätskontrolle. Zielwert im Dauerbetrieb: unter 1'000 ppm, möglichst unter 800 ppm.
Lüftungsanlagen müssen auf ausreichende Aussenluftmengen ausgelegt und regelmässig gewartet sein. Als Orientierung gilt in der Schweiz die SWKI VA104-01: Sie definiert Aussenluftmengen nach Nutzungsart und Personenzahl. Viele bestehende Anlagen sind unter diesen Werten eingestellt oder schlecht gewartet.
Filterqualität beeinflusst die PM2.5-Last erheblich. HEPA-Filter oder Filterstufe ISO ePM1 ≥ 50 % (nach SN EN ISO 16890) sind gegenüber älteren G4-Filtern deutlich wirksamer.
Fensterlüftung kann bei guter Aussenluftqualität helfen, ersetzt aber keine kontrollierte Lüftung in dicht belegten Räumen – und ist in städtischen Lagen im Sommer wegen Aussenluftbelastung oft kontraproduktiv.
Die Frage «Schlägt die Raumluft auf die Leistung?» lässt sich wissenschaftlich bejahen. Wie gross der Effekt im Einzelfall ist, hängt von Raum, Belegung, Lüftung und individueller Sensitivität ab. Die Datenlage ist aber klar genug, um Investitionen in bessere Lüftung zu rechtfertigen – nicht nur aus hygienischen, sondern aus ökonomischen Gründen.