5G-Ausbau, aber kaum mehr Strahlung – SwissNIS-Folgestudie bestätigt stabile RF-EMF-Immissionen in der Schweiz
Loizeau, Haas, Zahner, Fröhlich, Stephan, Gugler, Ziegler und Röösli (2026) legen die bisher umfassendste Schweizer RF-EMF-Messstudie vor
Dieselbe Forschungsgruppe, dasselbe Messgerät, dieselben 49 Referenzstandorte aus dem Jahr 2014 – und nun drei Jahre Messdaten aus dem laufenden Schweizer NIR-Monitoring: Die im Mai 2026 im Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology erschienene Studie von Loizeau, Haas, Zahner, Fröhlich, Stephan, Gugler, Ziegler und Röösli ist die bisher umfassendste Zusammenführung der SwissNIS-Monitoringdaten in einer Peer-reviewed-Publikation. Sie setzt die 2023 begonnene Berichterstattung fort – eine Zusammenfassung der Vorgängerstudie (Loizeau et al. 2023) ist in unserem Blogartikel vom 22. September 2023 nachzulesen.
Studienanlage: grösste bisher publizierte Schweizer RF-EMF-Datenbasis
Gemessen wurde zwischen Juli 2021 und Mai 2024 an insgesamt:
- 300 Aussenbereichen (Aussenraum-Mikroumgebungen)
- 244 öffentlichen Innenräumen (Schulen, Bahnhöfe, Einkaufszentren, u.a.)
- 332 ÖV-Fahrten (Zug, Tram, Bus)
Dabei kamen zwei ExpoM-RF4 gleichzeitig zum Einsatz – einer mit hoher Empfindlichkeit (6 V/m-Bereich), einer mit erweitertem Bereich (bis 20 V/m). Beide zeichneten für jedes der konfigurierten Frequenzbänder zwischen 80 MHz und 6 GHz sowohl den RMS-Wert (Effektivwert, zeitgemittelt über 50 ms) als auch den Peak-Wert (Spitzenwert der Hüllkurve innerhalb des 50-ms-Fensters) auf.
Neu hinzu kommt der zeitliche Vergleich zwischen Baseline (2021/22) und Follow-up (2023/24) an denselben Mikroumgebungen – und der Dreifachvergleich an den 49 Referenzstandorten aus 2014, 2021 und 2023.
Ergebnisse: stabil, mit einer wichtigen Ausnahme
Gesamtbelastung bleibt stabil
Die medianen RMS-Feldstärken blieben zwischen 2021/22 und 2023/24 konstant oder stiegen nur minimal an:
| Umgebungstyp | Baseline 2021/22 | Follow-up 2023/24 |
|---|---|---|
| Aussenbereiche (150 Standorte) | 0.16 V/m | 0.17 V/m |
| Öffentliche Innenräume (91 Standorte) | 0.24 V/m | 0.25 V/m |
| ÖV-Fahrten (101 Fahrten) | 0.20 V/m | 0.24 V/m |
Das Muster ist dasselbe wie in der Vorgängerstudie: Trotz erheblich gestiegenem Datenvolumen bleibt die Umgebungsbelastung stabil – weil effizientere Mobilfunktechnologien (4G, 5G) weniger Dauersendeleistung benötigen als ältere Systeme.
Signifikanter Anstieg im 5G-TDD-Band
Die wichtigste Ausnahme: Das TDD-Band bei 3.5 GHz (das 5G-Hauptband in der Schweiz) stieg zwischen Baseline und Follow-up signifikant an – von nahezu nicht nachweisbar auf messbare Werte in allen Umgebungstypen. Das reflektiert die zunehmende Aktivierung von 5G-Diensten und die wachsende Zahl von Endgeräten, die 5G nutzen. Die absolute Höhe dieses Anstiegs ist gering – er bleibt weit unterhalb der geltenden Grenzwerte –, aber er ist statistisch robust und zeigt den Fingerabdruck des 5G-Ausbaus in den Messdaten.
Dreifachvergleich 2014–2021–2023
An den 49 Referenzstandorten aus der Vorgängerstudie (Loizeau et al. 2023) zeigt sich das konsistente Bild: Keine signifikante Veränderung der Gesamtbelastung über neun Jahre, trotz fundamentalem Technologiewandel von 2G/3G zu 4G und 5G. Auch das TDD-Band war 2021 noch marginal; 2023 ist es messbar, aber gering.
Messtechnische Weiterentwicklung: zwei Geräte, RMS und Peak
Ein methodischer Fortschritt gegenüber der Vorgängerstudie ist der Einsatz von zwei ExpoM-RF4 gleichzeitig. Damit können unterschiedliche Empfindlichkeitsbereiche abgedeckt und die Messunsicherheit durch Vergleich der beiden Geräte besser charakterisiert werden.
Wie schon 2023 werden jedoch Peak-Werte zwar aufgezeichnet, aber nicht systematisch ausgewertet. Der Volltext ist zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht frei zugänglich; aus dem PubMed-Abstract geht hervor, dass Peak-Werte als «instantaneous highest signals» beschrieben werden. Ob sie in der Analyse eine Rolle spielen, ist noch offen.
Nicht aufgezeichnet und ausgewertet wurde auch der 6-Minuten-Mittelwert, den das Gerät prinzipiell berechnen kann. Dieser hätte ermöglicht, das zeitliche Verhalten von Signalen – insbesondere diskontinuierlicher 5G-Signale – zu charakterisieren.
Die Blindzeit: weiterhin ein strukturelles Problem
Das in der Vorgängerstudie ausführlich diskutierte messtechnische Problem bleibt in dieser Studie unverändert bestehen: Der ExpoM-RF4 tastet 35 Frequenzbänder sequenziell ab, je 50 ms pro Band, bei einem Abtastintervall von 6 Sekunden. Das ergibt pro Band einen Duty-Cycle von unter 1 % – das Gerät ist für jedes einzelne Band mehr als 99 % der Messzeit blind.
Das ist für stationäre Breitbandsignale (LTE-Downlink-Kanäle in städtischen Lagen) methodisch weitgehend unproblematisch: Diese Signale sind kontinuierlich und werden im 50-ms-Fenster repräsentativ erfasst. Bei diskontinuierlichen Quellen hingegen – und genau solche dominieren das 5G-Spektrum – bleibt das Problem strukturell:
Das TDD-Band bei 3.5 GHz: Blindheit und fehlende Trennschärfe
Das signifikant angestiegene Band bei 3.5 GHz nutzt TDD: Downlink und Uplink teilen sich denselben Frequenzbereich in millisekunden-schneller Abfolge. Das 50-ms-Messfenster des ExpoM-RF4 erfasst, was in diesem Fenster gerade gesendet wird – ob Downlink der Basisstation oder Uplink eines Endgeräts in der Nähe, kann das Gerät nicht unterscheiden. Die Autoren der Fernandes Veludo-Studie (2025) haben das explizit als Limitation festgehalten.
Adaptive Antennen (Massive MIMO): zufälliger Beam-Einfall
5G-Basisstationen bei 3.5 GHz verwenden Massive MIMO mit Beam-Forming: Die Sendeleistung wird in schmale, richtungsselektive Strahlen gebündelt, die nur dann auf einen Punkt zeigen, wenn dort gerade ein aktives Endgerät bedient wird. Ob ein solcher Beam während des 50-ms-Messfensters zufällig in Richtung des Exposimeter-Rucksacks gerichtet ist, hängt davon ab, ob ein Nutzer in unmittelbarer Nähe aktiv kommuniziert. In den 5'950 ms zwischen zwei Messungen kann die Basisstation mehrfach zwischen verschiedenen Beam-Richtungen gewechselt haben – vollständig unbeobachtet.
Mit wachsendem 5G-Ausbau und steigender Nutzung wird dieser Effekt in zukünftigen Messkampagnen gewichtiger. Die vorliegende Studie liefert valide Trendaussagen für zeitgemittelte Umgebungsimmissionen; für die Charakterisierung von Spitzenbelastungen durch Beam-Forming wären frequenzselektive Messempfänger mit höherer Zeitauflösung erforderlich.
Einordnung in den Kontext der Schweizer NIS-Politik
Die Studie erscheint in einem politisch bedeutsamen Moment: Die Schweiz diskutiert seit Jahren eine Lockerung der Anlagegrenzwerte der NISV (aktuell 4–6 V/m an empfindlichen Nutzungsorten), um den 5G-Ausbau zu erleichtern. Die Messdaten liefern dafür einen wichtigen Beitrag: Sie zeigen, dass der bisherige Ausbau zu keiner relevanten Erhöhung der Umgebungsimmissionen geführt hat.
Was die Daten nicht zeigen, ist die mögliche zukünftige Expositionsentwicklung bei vollständig ausgebautem und hoch ausgelastetem 5G-Netz mit weitverbreiteten Massive-MIMO-Antennen. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die Monitoring-Messungen weitergeführt werden müssen, um diese Entwicklung zu beobachten.
Fazit
Loizeau et al. (2026) legen die bisher belastbarste und umfangreichste Schweizer RF-EMF-Messstudie vor. Die Botschaft ist klar: Die Umgebungsbelastung ist trotz 5G-Ausbau stabil geblieben. Der signifikante Anstieg im TDD-Band bei 3.5 GHz ist der bisher direkteste messbare Fingerabdruck von 5G in den Schweizer Monitoringdaten – er ist real, aber absolut gesehen gering.
Messtechnisch stellt das Verfahren eine sorgfältige Weiterführung der bewährten Methodik dar. Die strukturellen Grenzen des Exposimeter-Ansatzes – Blindzeit zwischen Messungen, fehlende Trennschärfe bei TDD-Bändern, Zufälligkeit bei mMIMO-Beam-Erfassung – bleiben dieselben, die wir bereits in unserem Artikel zur Vorgängerstudie beschrieben haben. Mit dem weiteren 5G-Ausbau und der zunehmenden Reife der Beam-Forming-Technologie werden diese Grenzen für die Metrologie der Umgebungsexposition wichtiger – und entsprechend anspruchsvollere Messmethoden nötig.