5G mit 26 GHz – keine thermischen Hauteffekte bei Umgebungsexposition
Erste kontrollierte Humanstudie zu Millimeterwellen liefert beruhigende Befunde – aber auch methodische Grenzen
Eine neue Studie aus Frankreich gibt erstmals Daten aus einer kontrollierten Exposition von Menschen gegenüber 26-GHz-Millimeterwellen (MMW). Das Ergebnis ist auf den ersten Blick eindeutig – bei näherer Betrachtung aber mit Vorbehalten zu lesen.
Hintergrund: Warum 26 GHz besondere Fragen aufwirft
Der 5G-Ausbau erfolgt in zwei Stufen: Zuerst kommen die Mid-Band-Frequenzen um 3,5 GHz zum Einsatz, wie in der Schweiz bereits breit ausgerollt. Die zweite Stufe – der eigentliche Leistungsversprechen von 5G für Anwendungen mit extrem hoher Datendichte – setzt auf Millimeterwellen, in Europa hauptsächlich im 26-GHz-Band.
MMW haben eine physikalisch bedingte Besonderheit: Sie dringen nur wenige Millimeter tief ins Gewebe ein (ca. 0,5–2 mm) und werden fast vollständig in den obersten Hautschichten absorbiert. Die Energie deponiert sich damit oberflächlich – und die entscheidende Frage ist, ob diese lokale Erwärmung biologisch relevant wird. Die ICNIRP-Richtlinien von 2020 verwenden für Frequenzen über 6 GHz deshalb nicht mehr den SAR-Wert (Spezifische Absorptionsrate), sondern die Leistungsflussdichte als Dosismetrik.
Kontrollierte Studien am Menschen fehlten bisher für diesen Frequenzbereich vollständig. Tierstudien hatten bei hohen Leistungsdichten (bis 500 W/m² bei Ijima et al. 2023; SAR bis 7,2 W/kg bei Matsumoto et al. 2025) lokale Temperaturerhöhungen von mehreren Grad gezeigt – allerdings weit oberhalb der Umgebungsexposition im realen Betrieb.
Die Studie: Design und Exposition
Michelant et al. (INERIS, Frankreich) führten eine dreifach-verblindete, randomisierte Crossover-Studie mit 31 gesunden jungen Erwachsenen durch (Durchschnittsalter 26,1 Jahre; ursprünglich 32 Teilnehmende, eine Person wegen technischer Probleme ausgeschlossen).
Expositionsparameter:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Frequenz | 26 GHz (5G NR, Release 15) |
| Elektrische Feldstärke Kopfhöhe | 2 V/m |
| Elektrische Feldstärke Rumpfhöhe | 1 V/m |
| Einfallende Leistungsflussdichte (Kopf) | 10,6 mW/m² |
| Einfallende Leistungsflussdichte (Rumpf) | 2,65 mW/m² |
| Expositionsdauer | 26 Min. 30 Sek. |
| Abstand Antenne–Person | 120 cm (Fernfeld) |
| Kammer | elektromagnetisch abgeschirmter Raum |
| Raumtemperatur | 24,3 °C ± 0,5 °C |
Die Expositionswerte basieren auf Messungen der französischen Frequenzbehörde ANFR am Bahnhof Rennes (2021) – dem bisher einzigen offiziellen Messprogramm für 26 GHz in einem realen Umfeld. Sie repräsentieren die Obergrenze der dort gemessenen Umgebungsexposition.
Die Hauttemperatur wurde mittels Infrarot-Thermokamera (FLIR B400, Genauigkeit 0,1 °C) alle 30 Sekunden an fünf Körperstellen erfasst: Gesicht, Handrücken beidseits und infraklavikulärer Bereich beidseits.
Ergebnisse: Kein Expositionseffekt messbar
Die Hauptanalyse mit gemischten linearen Modellen ergab für keine einzige Körperregion einen statistisch signifikanten Einfluss der Exposition auf die Hauttemperatur (alle p-Werte > 0,34). Auch die distoproximale Temperaturgradientenanalyse (ein Indikator für periphere Vasokonstriktion) zeigte keinen Expositionsunterschied zwischen Real- und Scheinexposition (rechts p = 0,332; links p = 0,319).
Deutlich nachweisbar war hingegen ein Phaseneffekt: Die Hauttemperatur an den Händen sank über den Versuchsverlauf hinweg um mehr als 1,5 °C – unabhängig von der Expositionsbedingung. Die Autoren interpretieren das als normale physiologische Anpassung an prolongiertes Sitzen, die zu peripherer Vasokonstriktion führt.
Das Ergebnis gilt für alle untersuchten Variablen: keine Asymmetrie links/rechts, keine Interaktion Exposition × Phase.
Was die Studie leistet – und was nicht
Die Studie ist in ihrer Methodik sorgfältig: dreifach-verblindet, randomisiert, Crossover, elektromagnetisch abgeschirmte Kammer, kontinuierliches Temperaturmonitoring. Sie füllt eine reale Wissenslücke, weil kontrollierte Humanstudien für den 26-GHz-Bereich bisher fehlten.
Ihren eigenen Aussagebereich grenzen die Autoren aber klar ein:
Die Studie schliesst thermische Effekte aus für:
- Gesunde junge Erwachsene
- Akute Exposition (unter 30 Minuten)
- Umgebungstypische Feldstärken weit unterhalb der ICNIRP-Grenzwerte
- Oberflächliche Hauttemperatur als Messgrösse
Die Studie macht keine Aussagen zu:
- Kindern, älteren Menschen oder thermoregulatorisch eingeschränkten Personen
- Langzeitexposition oder wiederholter Exposition
- Nah-Feld-Szenarien (z. B. dichte Indoor-Deployments, getragene Geräte)
- Nicht-thermischen biologischen Mechanismen
- Der Validität der ICNIRP-Grenzwerte selbst – das halten die Autoren explizit fest
Methodische Einschränkungen im Detail
Einige Punkte verdienen kritische Aufmerksamkeit:
Die Stichprobengrösse von n = 31 ist für eine Primärstudie vertretbar, aber begrenzt. Die statistische Power, subtile Effekte aufzudecken, ist gering – besonders bei hoher interindividueller Variabilität in der Thermoregulation.
Das Messintervall von 30 Sekunden kann rasche thermische Transienten verpassen, die unmittelbar bei Expositionsbeginn auftreten könnten.
Die Expositionsdauer von rund 26 Minuten entspricht den Protokollen der Forschungsgruppe für andere Frequenzen, ist aber möglicherweise zu kurz, um thermoregulatorische Reaktionen bei nativem 26-GHz-Betrieb vollständig abzubilden. Tierstudien, die Effekte zeigten, exponierten teils 90 Minuten.
Der Vergleich mit Tierstudien ist eingeschränkt: Nagetiere haben ein ungünstigeres Oberflächen-Volumen-Verhältnis und eine andere Thermoregulation als Menschen – direkte Übertragungen von Dosis-Wirkungs-Beziehungen sind methodisch problematisch.
Das Experiment wurde in einer thermoneutralen Laborumgebung durchgeführt. Unter thermischem Stress (Hitze, Kälte) arbeitet das Thermoregulationssystem anders; ob die Ergebnisse auf reale Aussenbedingungen übertragbar sind, ist offen.
Einordnung in den regulatorischen Kontext Schweiz
In der Schweiz regelt die NIS-Verordnung (NISV) die Grenzwerte für nichtionisierende Strahlung. Das 26-GHz-Band ist für den kommerziellen 5G-Betrieb noch nicht vollständig ausgerollt; die Anlagengrenzwerte für Mobilfunkantennen richten sich nach der NISV, die auf ICNIRP-Empfehlungen basiert. Die ICNIRP (2020) legt für 26 GHz eine Referenz-Leistungsflussdichte von 10 W/m² (über 30 s, Körperdurchschnitt) fest. Die Expositionswerte in dieser Studie (10,6 mW/m² am Kopf) lagen um den Faktor ~940 unter diesem Referenzwert – bezogen auf die Leistungsflussdichte (~30 dB).
Die Studie liefert damit Evidenz, dass selbst konservativ gewählte Umgebungsexpositionen weit unterhalb der regulierten Grenzwerte keine akuten Hauterwärmungen auslösen. Sie ersetzt aber keine Gesamtbeurteilung der biologischen Wirkungen im gesamten Frequenz- und Leistungsbereich.
Fazit
Michelant et al. (2026) liefern die erste kontrollierte Humanstudie zu thermischen Effekten von 26-GHz-Millimeterwellen – methodisch solid, mit einem klar negatigen Befund im untersuchten Bereich. Das ist relevantes, beruhigendes Wissen für die Risikokommunikation rund um den 26-GHz-Ausbau.
Gleichzeitig wäre es wissenschaftlich unehrlich, den Befund zu überdehnen. Die Studie testet gesunde Erwachsene, eine Kurzexposition, eine einzige Antennenkonfiguration und ausschliesslich Hauttemperatur als Endpunkt. Vulnerable Gruppen, Langzeitszenarien und nicht-thermische Wirkmechanismen bleiben – wie von den Autoren selbst betont – für zukünftige Forschung offen.
Für Sachverständige, Planer und Behörden ergibt sich daraus eine einfache Botschaft: Die thermische Sicherheit bei 26-GHz-Umgebungsexpositionen für gesunde Erwachsene erscheint gut begründet. Der Forschungsbedarf zu anderen Populationen und Expositionsszenarien ist damit aber nicht erledigt.
Hinweis: Der Artikel ist als «Article in Press» erschienen und noch nicht in seiner Endfassung publiziert. Kleinere inhaltliche Änderungen bis zur Endpublikation sind möglich.