WHO-Tierstudien-Review zu Mobilfunkstrahlung: Kernaussagen nach Corrigendum bestätigt
Kritik aus dem Umfeld von ICNIRP und BfS führte nur zu marginalen Korrekturen
Das Forschungsteam um Meike Mevissen von der Universität Bern hat sein im April 2025 im Auftrag der WHO veröffentlichtes systematisches Review zu Krebs bei Versuchstieren nach RF-EMF-Exposition korrigiert. Anlass waren kritische Zuschriften aus dem Umfeld der ICNIRP und des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Die im Corrigendum vorgenommenen Anpassungen betreffen einzelne Zahlenangaben und eine Tumorklassifikation. An den zentralen Schlussfolgerungen ändert sich laut den Autoren nichts: Für maligne Hirntumoren (Gliome) und Herzschwannome bei männlichen Ratten bleibt die Evidenzstärke (Certainty of Evidence, CoE) weiterhin hoch.
Der WHO-Tierstudien-Review 2025
Der Review war einer von zwölf durch die WHO in Auftrag gegebenen systematischen Übersichtsarbeiten zu gesundheitlichen Wirkungen von RF-EMF und baute auf der Einstufung von RF-EMF als «möglicherweise krebserregend» (Gruppe 2B) durch die IARC von 2011 auf. Das Team wertete 51 Studien mit 10 chronischen Krebs-Bioassays aus und verzichtete bewusst auf eine Metaanalyse, da es die Studien wegen unterschiedlicher Spezies, Expositionsbedingungen und Endpunkte als zu heterogen für eine statistische Zusammenfassung einstufte. Der Artikel wurde 2025 mit rund 28'000 Downloads zum meistgelesenen Beitrag des Jahres in der Fachzeitschrift Environment International.
Woher die Kritik kam
Zwei kritische Zuschriften bildeten die Grundlage für das Corrigendum:
- Eine 14-seitige Kommentierung von vier Mitarbeitenden des BfS (Belenki, Baaken, Meyer, Kuhne), die eine eigene Metaanalyse derselben Studien vorlegten und dabei zu tieferen Evidenzstufen kamen.
- Eine Zuschrift von Ken Karipidis, Vize-Vorsitzender der ICNIRP, der die Analyse als methodisch mangelhaft bezeichnete.
Mevissen und ihr Team haben auf beide Zuschriften publiziert geantwortet und ihre grundsätzliche Kritik an den von ICNIRP-Kreisen favorisierten statistischen Methoden aufrechterhalten: Diese seien für die Auswertung heterogener Tierstudien zur Beurteilung von RF-EMF-Risiken nicht geeignet. Zur Einordnung: Das BfS ist gemäss Fachmedien die Trägerorganisation von ICNIRP; bei der Bewertung der Kritik ist diese Nähe mitzudenken. Zur Fairness sei auch erwähnt, dass die Studienautoren selbst Interessenbindungen offenlegen: Ein Ko-Autor leitet eine Forschungsgruppe mit Angestellten von Telekommunikationsunternehmen, ein anderer war bis 2018 Leiter des IARC-Monographien-Programms und ist seit 2019 im wissenschaftlichen Beirat des Ramazzini-Instituts.
Randnotiz: Bereits vor der Publikation des Corrigendums hatte Mevissen in einem Interview mit der Redaktion Infosperber (16. Januar 2026) von Einmischungsversuchen während der Review-Arbeit berichtet. Sie kritisierte namentlich, dass ein für systematische Reviews zuständiger WHO-Experte ohne eigene Erfahrung mit Tierstudien der Arbeitsgruppe die Studienauswahl habe abnehmen wollen, und warf dem BfS vor, auf ein Ergebnis ohne Befund hinzuwirken. Wissenschaft sei «sehr politisch», so Mevissen im Interview. Das bestätigt aus Sicht der Hauptautorin die im Corrigendum sichtbare Kontroverse, liefert selbst aber keine neuen technischen Angaben zur Studie.
Was das Corrigendum tatsächlich ändert
Die Korrekturen sind technischer Natur:
- Zähllogik: Die Studien- und Experimentzahlen pro Organsystem wurden vereinheitlicht (neu: Anzahl Studien/Publikationen statt Einzelexperimente).
- Tumorklassifikation: Eine Gruppe von Astrozytomen wurde neu den glialen Hirntumoren zugeordnet statt separat ausgewiesen.
- Rechenfehler bei der Benchmark-Dosis (BMD): Für die Herzschwannom-Auswertung der Falcioni-Studie war die BMD fälschlich auf Basis von 10 % statt 1 % ausgewiesen. Der Zahlenwert selbst (0.102, 95-%-KI 0.056–0.244) bleibt unverändert, nur die Bezugsgrösse wurde korrigiert.
Die Autoren halten im Corrigendum ausdrücklich fest, dass keine dieser Korrekturen die Ergebnisse, die Interpretation oder die Schlussfolgerungen der Übersichtsarbeit verändert habe.
Die Kernaussagen im Überblick
| Tumorart | Datenbasis | Evidenzstärke (CoE) |
|---|---|---|
| Gliome (Hirn) | 20 Studien, 5 chronische Bioassays | Hoch |
| Maligne Herzschwannome | 3 chronische Bioassays | Hoch |
| Lymphome | 17 Studien, 5 chronische Bioassays | Moderat |
| Phäochromozytom (Nebenniere) | 10 Studien, 5 chronische Bioassays | Moderat |
| Hepatoblastom (Leber) | 14 Studien, 5 chronische Bioassays | Moderat |
| Lungentumoren | 5 chronische Bioassays | Moderat |
Für Gastrointestinaltrakt, Niere, Milchdrüse, Harnwege, endokrines System, Bewegungsapparat, Reproduktionsorgane und Gehör fand sich keine oder nur minimale Evidenz.
Die Autoren weisen darauf hin, dass die beiden Tumorarten mit hoher CoE bei Tieren denselben Typen entsprechen, für die auch die IARC-Arbeitsgruppe beim Menschen limitierte Evidenz sah. Gleichzeitig betonen sie, dass die Übertragung von Tierbefunden auf den Menschen bei RF-EMF besonders komplex bleibt: Ohne besseres Verständnis des Wirkmechanismus sei unklar, welche Expositionsmetrik (Ganzkörper- oder lokale Exposition) und welche Dosisgrösse (Intensität oder kumulative Exposition) massgebend sind, ob ein monotoner Dosis-Wirkungs-Zusammenhang gilt und ob SAR überhaupt die geeignete Grösse zur Dosisbeurteilung ist.
Einordnung
Die Befunde betreffen krebsauslösende Wirkungen bei Versuchstieren im Bioassay und lassen sich nicht direkt in Immissions- oder Anlagegrenzwerte der schweizerischen NISV übersetzen; die Autoren selbst benennen diese Extrapolationsproblematik ausdrücklich. Der wissenschaftliche Disput ist damit nicht beendet: Während BfS und ICNIRP-nahe Fachleute an ihrer Kritik festhalten, haben unter anderem Mitglieder der ICBE-EMF, einer Gegenorganisation zu ICNIRP, die Mevissen-Review unterstützt. Für die Praxis bleibt festzuhalten, dass die höchste Evidenzstufe der WHO-Übersichtsarbeit nach Prüfung durch die Kritiker und einer Korrektur unverändert Bestand hat.