Studie zu Kinder in Schimmelwohnungen
Kohortenstudie aus Bradford (UK) zu Feuchte, Schimmel und Atemwegsgesundheit bei Kindern
Sierra N. Clark, Gary Adamkiewicz sowie die beiden gleichrangigen Letztautorinnen Tiffany C. Yang und Rosemary R.C. McEachan haben im Fachjournal Environmental Pollution eine Kohortenstudie zu Feuchte- und Schimmelbelastung in Wohnungen und der Atemwegsgesundheit von Kindern in Bradford (England) veröffentlicht. Grundlage ist die Geburtskohorte «Born in Bradford». Das IBH hat sich mit dem Zusammenhang zwischen Feuchteschäden und Gesundheit erst im Mai in Feuchteschäden und Gesundheit – was die aktuelle Forschung zeigt und was sie offenlässt befasst; die vorliegende Studie ergänzt jene mechanistisch orientierte Übersicht um belastbare, kinderspezifische Längsschnittdaten.
Ausgangslage
Feuchte und Schimmel beeinträchtigen die Innenraumluftqualität in Millionen europäischer Wohnungen. Dass Exposition gegenüber Feuchte und Schimmel bei Kindern mit einem erhöhten Risiko für Atemwegserkrankungen und -symptome verbunden ist, gilt epidemiologisch als gut belegt. Längsschnittliche, also über die Zeit verfolgende Evidenz aus dem Vereinigten Königreich blieb jedoch bislang rar – trotz eines vergleichsweise alten Gebäudebestands und eines feucht-humiden Klimas.
Bradford, mit über 560'000 Einwohnerinnen und Einwohnern der fünftgrösste Bezirk Englands, eignet sich für eine solche Untersuchung besonders: Die Stadt ist ethnisch divers (57% weisser britischer, 25% pakistanischer Herkunft), jung (28% der Bevölkerung ist 20 Jahre oder jünger) und weist eine hohe Armutsbelastung auf – ein Drittel der Haushalte liegt gemäss dem Ministry of Housing, Communities and Local Government (2019) im obersten Dezil der Deprivationsskala. Die kindliche Asthmabelastung ist entsprechend hoch: Jährlich werden rund 330 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren wegen Asthmas hospitalisiert, wovon gemäss einer separaten Studie 279 bis 612 Fälle pro Jahr allein auf verkehrsbedingte Luftverschmutzung zurückgeführt werden. Die hier vorgestellte Studie verortet den Beitrag von Feuchte und Schimmel in diesem Gesamtbild. Die Ursachen für die Schimmelbelastung liegen dabei anders als im Kontext, den das IBH kürzlich für Mitteleuropa beschrieben hat: Während dort energetische Sanierungen und veränderte Bauweisen im Zentrum standen (siehe Das Energieeffizienz-Dilemma – Warum moderne Gebäude vermehrt zu Schimmel neigen), dominiert in Bradford ein älterer, weniger gut instand gehaltener und häufig von einkommensschwachen Haushalten bewohnter Gebäudebestand. Wie divers das Schimmelpilz-Ökosystem britischer Innenräume tatsächlich ist, hat kürzlich auch eine grosse Londoner Bioaerosol-Studie gezeigt (siehe Britische WellHome-Studie zeigt: Innenraumluft ist ein eigenständiges Pilz-Ökosystem); die Bradford-Kohorte liefert dazu nun die gesundheitliche Aussenperspektive bei Kindern.
Studiendesign und methodischer Aufbau
Datengrundlage ist «Born in Bradford» (BiB), eine seit 2007/2010 laufende prospektive Geburtskohorte, die ursprünglich 12'453 Frauen mit 13'776 Schwangerschaften und 13'858 Geburten sowie 3'353 ihrer Partner rekrutierte. Für die vorliegende Auswertung wurden zwei Erhebungswellen kombiniert: die MeDALL-Substudie im Alter von 3 bis 5 Jahren (Erhebung 2012–2014, n=2'594) und die Folgeerhebung «Growing Up» im Alter von 7 bis 11 Jahren (Erhebung 2017–2021), aus der 1'543 Kinder auch im MeDALL-Sample erfasst waren und damit in die Längsschnittanalyse eingingen. Für einen Teil der Auswertungen wurde die Stichprobe zusätzlich auf jene 73% der Kinder eingeschränkt, die zwischen den beiden Erhebungen nicht umgezogen waren (n=1'129) – ein methodisch wichtiger Schritt, da sich damit die Baseline-Exposition eindeutiger dem Kind zuordnen lässt.
Feuchte und Schimmel wurden ausschliesslich bei der Erhebung im Alter von 3 bis 5 Jahren erfasst, mittels dreier Ja/Nein-Fragen an die Eltern: ob das Haus als feucht gilt, ob Schimmel in der Wohnung vorhanden ist und – falls ja – ob sich Schimmel im Kinderzimmer befindet. Eine erneute Erhebung bei der Folgebefragung fand nicht statt; die Längsschnittanalyse unterstellt somit, dass die Baseline-Exposition den rund fünfjährigen Beobachtungszeitraum repräsentativ abbildet. Als Gesundheits-Endpunkte dienten ebenfalls elterlich berichtete, nicht ärztlich verifizierte Angaben zu Asthma («je Asthma gehabt»), Giemen respektive pfeifender Atmung in den letzten 12 Monaten sowie Heuschnupfen als Indikator für eine allergische Diathese. Inzidente Fälle im Schulalter wurden definiert als bei der Folgebefragung neu berichtete, bei der Erstbefragung noch nicht vorhandene Diagnosen.
Statistisch kamen logistische Regressionen (Odds Ratios, OR) für die Querschnittsanalyse im Vorschulalter und für die Inzidenzanalyse im Gesamtsample sowie Poisson-Regressionen (Incidence Rate Ratios, IRR) für die auf Nicht-Umgezogene beschränkte Stichprobe zum Einsatz. Für jede Kombination aus Exposition und Endpunkt wurden drei Modellstufen berechnet: unadjustiert, kernadjustiert (Alter, Geschlecht, Ethnizität, Haushalts-Sozioökonomie) und vollständig adjustiert (zusätzlich Gebiets-Deprivationsindex, Aussenluft-Feinstaub PM2.5, Passivrauchexposition und Zimmerbelegung). Die Auswahl der Confounder erfolgte a priori anhand gerichteter azyklischer Graphen.
Ergebnisse
Ein Viertel der Kinder (23%, n=595) lebte im Vorschulalter in einer Wohnung mit Feuchte und/oder Schimmel; 3% (n=79) hatten Schimmel im eigenen Zimmer. In der Querschnittsanalyse (Alter 3–5) war Schimmel im Kinderzimmer signifikant mit einem erhöhten Giemen-Risiko assoziiert: unadjustiert OR 1.78 (95%-KI 1.08–2.84) und im vollständig adjustierten Modell OR 1.72 (95%-KI 1.03–2.79); im kernadjustierten Zwischenschritt lag die OR bei 1.64 (95%-KI 0.99–2.65) und verfehlte damit knapp die statistische Signifikanz. Für Asthma und Heuschnupfen zeigte sich im Vorschulalter für keinen der Feuchte- oder Schimmelindikatoren ein statistisch signifikanter Zusammenhang.
In der Längsschnittanalyse bei den nicht umgezogenen Kindern (Alter 7–11) war die frühkindliche Exposition gegenüber sämtlichen Feuchte- und Schimmelindikatoren signifikant mit einer erhöhten Heuschnupfen-Inzidenz verbunden: Die Incidence Rate Ratios lagen in den kernadjustierten Modellen zwischen 1.42 (Schimmel allgemein) und 1.96 (Schimmel im Kinderzimmer), im vollständig adjustierten Modell erreichte die IRR für Schimmel im Kinderzimmer 2.08. Für Asthma zeigte sich über alle Expositionsindikatoren hinweg ein durchwegs positiver, aber statistisch nicht signifikanter Trend (IRR zwischen 1.11 und 1.44); die Autor:innen führen dies auf die begrenzte Stichprobengrösse und die damit verbundene geringe statistische Power zurück.
Die Autor:innen interpretieren das Muster – stärkste Effekte bei Schimmel im Kinderzimmer, gefolgt von Schimmel im übrigen Wohnraum, gefolgt von allgemeiner Feuchte – als möglichen Hinweis auf eine Expositions-Wirkungs-Beziehung. Sie ordnen ihre Ergebnisse in eine Metaanalyse überwiegend nordamerikanischer und skandinavischer Kohortenstudien ein, die für inzidentes Asthma bei Feuchte- oder Schimmelexposition eine gepoolte Odds Ratio von rund 1.50 berichtet.
Einordnung
Die Studie liefert nach Einschätzung des IBH einen relevanten Beitrag, weil längsschnittliche, kinderspezifische Daten aus Grossbritannien zu diesem Thema bislang selten waren – und weil das Studiendesign mit vorab definierten Confoundern, einer auf Nicht-Umgezogene beschränkten Sensitivitätsanalyse und einer Gegenprüfung mit ärztlich diagnostiziertem Asthma methodisch sorgfältig angelegt ist. Aus Sicht des IBH sind aber mehrere Einschränkungen zu benennen, die auch die Autor:innen selbst thematisieren:
Erstens beruhen sowohl die Expositions- als auch die Endpunkterhebung ausschliesslich auf elterlichen Ja/Nein-Angaben, ohne Vor-Ort-Verifikation, ohne Angaben zu Ausmass oder Dauer der Belastung und ohne Bestimmung der beteiligten Pilzarten. Bei den Querschnittsdaten im Vorschulalter ist zudem ein differenzieller Erinnerungs- beziehungsweise Wahrnehmungsverzerrung («Reverse Causation») nicht auszuschliessen: Eltern symptomatischer Kinder achten möglicherweise eher auf Feuchte und Schimmel in der Wohnung. Die Autor:innen weisen selbst darauf hin, dass die Querschnittsbefunde deshalb vorsichtiger zu interpretieren sind als die Längsschnittbefunde.
Zweitens wurde die Feuchte-/Schimmelexposition nur einmal, im Vorschulalter, erfasst und bei der rund fünf Jahre späteren Folgebefragung nicht erneut erhoben. Veränderungen der Wohnsituation – auch innerhalb der Gruppe der «Nicht-Umgezogenen», etwa durch Sanierungen – bleiben damit unberücksichtigt, was die tatsächliche Expositionsdauer eher unterschätzt als überschätzt.
Drittens ist die statistische Power trotz einer für eine Geburtskohorte namhaften Ausgangsstichprobe begrenzt: Nur 3% der Kinder hatten Schimmel im eigenen Zimmer, die Längsschnittauswertung der Nicht-Umgezogenen stützt sich auf 1'129 Kinder. Entsprechend breit sind die Konfidenzintervalle, und die durchwegs positiven, aber nicht signifikanten Asthma-Assoziationen lassen sich ebenso als reales, bloss unterpotenziertes Signal wie als Zufallsbefund lesen – die Studie selbst kann diese Frage nicht auflösen.
Viertens ist die Übertragbarkeit auf andere Populationen und Gebäudebestände, einschliesslich der Schweiz, mit Vorsicht zu behandeln. Bradford weist mit hoher Deprivation, einem grossen Bevölkerungsanteil südasiatischer Herkunft und einem spezifischen, oft älteren Gebäudebestand ein Profil auf, das sich von mitteleuropäischen Verhältnissen unterscheidet. Die Autor:innen fordern selbst grössere, national repräsentative Studien zur Bestätigung ihrer Befunde.
Fünftens handelt es sich, wie bei jeder Beobachtungsstudie dieser Art, um nachgewiesene statistische Assoziationen und nicht um einen Kausalitätsbeweis. Dass die Ergebnisse jedoch mit einer breiteren, methodisch heterogenen internationalen Literatur übereinstimmen – einschliesslich der von den Autor:innen zitierten gepoolten Odds Ratio von rund 1.50 für inzidentes Asthma –, stützt die inhaltliche Kernaussage: Feuchte und insbesondere Schimmel, vor allem im Kinderzimmer, sind ein Risikofaktor für Atemwegs- und Allergiesymptome bei Kindern. Interessenkonflikte sind laut Erklärung der Autor:innen keine vorhanden; finanziert wurde die Studie durch öffentliche britische Forschungsförderer (u. a. Medical Research Council, Wellcome Trust, National Institute for Health Research), nicht durch Industriemittel.
Für die bauhygienische Praxis unterstreicht die Studie, was das IBH bereits an anderer Stelle mit gesundheitsökonomischen Zahlen unterlegt hat: Wohnraumsanierung zur Feuchte- und Schimmelbeseitigung ist auch aus Sicht der öffentlichen Gesundheit eine lohnende Investition (siehe Gesündere Wohnräume zahlen sich aus – Milliardenpotenzial durch Schimmelbeseitigung). Die vorliegende Studie selbst verweist auf Kostenschätzungen für England, wonach feuchtebedingte Erkrankungen den staatlichen Gesundheitsdienst NHS jährlich rund 895 Millionen Pfund kosten, mit gesellschaftlichen Folgekosten von rund 15.4 Milliarden Pfund pro Jahr.