Mikroplastik in Gebäuden

Ein zweites Review zu 57 Studien: welche baulichen Faktoren die Belastung mit Mikroplastik erhöhen

· mdu · #PeerReview, #Raumluftqualität, #Forschung, #Mikroplastik

Im April hat das IBH ein Review zu Mikroplastik in Innenraumluft und Hausstaub vorgestellt («Mikroplastik in Innenraumluft und Hausstaub: ein Review ordnet Vorkommen, Quellen und Wissenslücken»). Eine zweite, unabhängig davon entstandene Arbeit von Claudia Campanale und Kolleginnen und Kollegen vom Istituto Superiore di Sanità Rom, der Universität Pisa und der ASL Viterbo, online seit 30. März 2026 in «Building and Environment», wertet eine eigene Studienauswahl aus und stellt die gebäudeseitigen Einflussfaktoren stärker in den Vordergrund.

Woher die 57 Studien stammen

Die Suche über Web of Science, Scopus und Google Scholar für den Zeitraum Januar 2017 bis März 2025 lieferte 91 Treffer. Nach Sichtung von Titel und Abstract blieben 59 Arbeiten übrig, nach Volltextprüfung 57: Eine Studie fiel aus der Definition «Innenraum», einer weiteren fehlten quantitative Konzentrationsangaben. Geografisch verschiebt sich das Feld: 34 Studien stammen aus Asien, 13 aus Europa, 5 aus Nordamerika, 3 aus Australien und 2 aus Südamerika. Seit 2019 wächst vor allem die Zahl asiatischer Publikationen, angeführt von China. Am häufigsten untersucht wurden Büros (19 Studien), Universitäten (12), Wohnhäuser (15) und Wohnungen (8), daneben Wohnheime, Schulen, Spitäler und Labore. Nur 45.6 Prozent der Studien massen parallel eine Aussenluft-Kontrolle; für die übrigen bleibt offen, welcher Anteil der Innenraumbelastung tatsächlich von aussen eingetragen wird.

57 Studien, vier Grössenordnungen Streuung

Das als narratives Review angelegte Papier fasst die 57 Beobachtungsstudien zusammen. In Wohnräumen reichen die berichteten Konzentrationen von 0.5 bis 14'088 Partikeln/m³, in Gemeinschaftsräumen von 2 bis 8'305 Partikeln/m³ – gegenüber im Mittel rund 260 Partikeln/m³ im Freien. Innenräume liegen damit meist ein bis zwei Grössenordnungen über der Aussenluft. Bei der Probenahme setzten 56.1 Prozent der ausgewerteten Studien auf aktive Luftsammlung, 36.8 Prozent auf passive Verfahren und 5.3 Prozent auf eine Kombination; analysiert wurde überwiegend mit Mikroskopie, µ-FTIR, µ-Raman und Pyrolyse-Gaschromatographie-Massenspektrometrie (Py-GC-MS). Fasern dominieren in den meisten Innenräumen, allen voran aus Polyester, Polyethylen, Polypropylen und Nylon.

Welche baulichen Faktoren die Belastung treiben

Als Einflussgrössen benennt die Arbeit synthetische Textilien, eingeschränkte Lüftung, Oberflächen- und Ausbaumaterialien, die Belegungsdichte und saisonale Effekte. Längere Lüftungsdauer und mechanische Lüftung sind in den ausgewerteten Studien durchgehend mit tieferen Konzentrationen verknüpft; Split-Klimaanlagen und die Luftverwirbelung durch Klimageräte wirken in die Gegenrichtung, weil sie abgelagerte Fasern wieder aufwirbeln. Teppichböden, eine hohe Textildichte und ältere Gebäude ohne mechanische Lüftung sind mit höheren Werten verbunden, ebenso menschliche Bewegung, Reinigungsaktivität und Belegungsdichte, die kurzfristige Spitzen auslösen. Alle diese Faktoren lassen sich baulich oder nutzungsseitig beeinflussen.

Was die Atemluft tatsächlich beiträgt

Eine der ausgewerteten Studien schätzt, dass Bewohnende einer älteren, unbelüfteten Wohnung rund 6'600 Mikroplastikpartikel pro Tag einatmen, gegenüber 4'991 Partikeln pro Tag in einer neueren, mechanisch belüfteten Wohnung. Für Sitzungszimmer-Nutzende werden rund 352 Partikel pro Tag veranschlagt, für Werkstattpersonal bis zu 1'717. Eine weitere Untersuchung bei Abfallsortierpersonal fand Tagesdosen von rund 131 bis 899 µg/m³ bei geringerer Exposition und bis 668 bis 5'460 µg/m³ beim am stärksten exponierten Personal. Für Kinder schätzt eine Studie die Aufnahme auf 530 bis 2'060 Partikel pro Tag; bezogen auf das Körpergewicht liegt ihre Aufnahmerate über den Verdauungstrakt gemäss einer anderen Untersuchung rund 1.79-mal höher als bei Erwachsenen.

Diese Zahlen relativieren sich allerdings im Gesamtbild. Eine der ausgewerteten Arbeiten, die Nahrung, Trinkwasser und Luft gemeinsam bilanziert, findet die Ernährung als Hauptquelle mit rund 75 Prozent der gesamten Mikroplastik-Aufnahme; Luft und Trinkwasser folgen mit deutlichem Abstand. Für die Innenraumhygiene bleibt die Atemluft trotzdem der Pfad, den bauliche und lüftungstechnische Massnahmen am direktesten beeinflussen können.

Wieso sich die Zahlen kaum vergleichen lassen

Eine Spanne von vier Grössenordnungen zwischen 0.5 und 14'088 Partikeln/m³ ist kein biologischer Befund, sondern zeigt vor allem, dass Probenahme und Analytik zwischen den Studien zu wenig standardisiert sind. Die Autorenschaft benennt das selbst als zentrale Einschränkung. Sie skizziert eine Roadmap: einheitliche Sammelprotokolle für Filtertyp und Sammlergeometrie, abgestimmte Expositionsmetriken, eine systematische Erhebung des Aussen-Innen-Verhältnisses, gemeinsame Partikelgrössenklassen sowie Ringversuche zwischen Laboren zur Absicherung der Analytik. Toxikologische Prüfungen und Inhalationsstudien nennt sie als Priorität, weil eine gesundheitliche Bewertung der berichteten Konzentrationen nach eigener Aussage derzeit nicht möglich ist.

Einordnung

Dass zwei methodisch unabhängige Reviews im Abstand weniger Monate zum gleichen Schluss kommen – Innenräume sind für Mikroplastik eine eigenständige, oft dominierende Quelle –, stärkt diesen Befund. Beide Arbeiten werten allerdings dieselbe zugrunde liegende Primärliteratur teilweise doppelt aus. Die Arbeit selbst bezeichnet sich zudem als evidenzbasiertes narratives Review, nicht als vollständig systematisches Review. Dass eine der drei genutzten Datenbanken Google Scholar ist, dessen Trefferlisten sich schlechter reproduzieren lassen als jene von Scopus oder Web of Science, schwächt den eigenen Transparenzanspruch etwas ab. Dass nur 45.6 Prozent der Studien über eine parallele Aussenluftmessung verfügen, relativiert zudem, wie sicher sich die Innenraumbelastung tatsächlich auf gebäudeeigene Quellen zurückführen lässt, auch wenn die Grössenordnung der Befunde in dieselbe Richtung weist.

Nach Einschätzung des IBH liegt der eigentliche Wert der vorliegenden Arbeit nicht in den absoluten Konzentrationswerten. Diese taugen wegen der belegten Methodenvielfalt nicht als verlässliche Grössenordnung für ein konkretes Gebäude. Der Wert liegt vielmehr in der Benennung gebäudeseitiger Hebel und in der Einordnung der Atemluft als einem von mehreren Expositionspfaden. Textilwahl, Lüftungsverhalten und die Wahl von Oberflächenmaterialien lassen sich planerisch beeinflussen, unabhängig davon, ob eine konkrete Gesundheitsgefährdung durch Mikroplastik dereinst nachgewiesen wird. Finanzierung und Interessenkonflikte sind offengelegt: Die Arbeit wurde über die Ausschreibung «Bando di Ricerca Indipendente ISS 2023» des italienischen Gesundheitsinstituts Istituto Superiore di Sanità finanziert, Interessenkonflikte werden keine deklariert. Verbindliche Richt- oder Grenzwerte für Mikroplastik in der Innenraumluft bestehen weder beim BAG noch in einschlägigen Schweizer Normen. Solange toxikologische Wirkschwellen fehlen, bleibt die Datenlage – wie im April-Beitrag ausgeführt – eine Grundlage für Vorsorge, nicht für eine Risikoquantifizierung.

Quelle: Campanale, C., Barlucchi, L., Piccardi, A., La Nasa, J., Modugno, F., De Rossi, M., Palumbo, L. (2026): Airborne Microplastics in indoor environments: current knowledge, methodological challenges, and future directions. Building and Environment 297, 114567, online 30.03.2026, DOI 10.1016/j.buildenv.2026.114567