Legionella-Audit
Masterarbeit (FEUP) prüft Wartungsmanagement zur Legionellenprävention in neun Fitnessstudios
António João Correia Pina Monteiro hat im Rahmen seiner Masterarbeit im Maschinenbau an der Faculdade de Engenharia da Universidade do Porto (FEUP) das Wartungsmanagement zur Legionellenprävention in der betrieblichen Praxis untersucht. Sein Ansatz war ein Prozessaudit, nicht die Auswertung von Laborbefunden. Betreut von Prof. Armando Leitão, analysierte er neun Fitnessstudio-Standorte eines portugiesischen Betreibers mit unterschiedlicher technischer Komplexität. Die Arbeit erschien am 5. Juli 2026 im Open Repository der Universität Porto.
Prävention als Managementaufgabe
In Portugal regelt das Gesetz Nr. 52/2018 die Legionellenprävention in öffentlich zugänglichen Gebäuden. Es verpflichtet Betreiber, für wasserführende Anlagen mit Aerosolbildung zwischen 20 °C und 45 °C – Warmwassernetze, Kühltürme, Verdunstungskühler, Luftbefeuchter sowie Freizeitwasseranlagen – einen risikobasierten Präventions- und Kontrollplan zu führen. Eine Durchführungsverordnung legt die analytischen Kontrollprogramme fest, eine andere die Risikoklassierung: Ab 1'000 KBE Legionella spp. pro Liter oder beim Nachweis von Legionella pneumophila gilt eine Anlage als Hochrisiko, mit Meldepflicht innert 48 Stunden und sofortiger Desinfektion. Für Schwimmbäder und Whirlpools gilt zusätzlich die Norm NP 4542:2017.
Die Arbeit hält an mehreren Stellen fest, dass dieser Rechtsrahmen zwar verbindliche Anforderungen setzt, in der Praxis aber vor allem einen theoretischen Standard darstellt. Seine Wirksamkeit hängt davon ab, wie konsequent er in die tägliche Wartung und den Betrieb integriert wird. Genau dort setzt die Untersuchung an – nicht bei der Frage, ob ein Präventionsplan existiert, sondern ob und wie er gelebt wird.
Neun Standorte, eine Prüfliste
Monteiro wählte einen audit-basierten Prozessevaluationsansatz. Die neun untersuchten Fitnessstudios liessen sich in drei bauliche Typen einteilen: Typ A umfasst Vollservice-Anlagen mit Schwimmbad, Whirlpool und Wellnessbereichen wie türkischen Bädern und Saunen und ist technisch am komplexesten, weil er Freizeitwassersysteme und Hochtemperaturbereiche kombiniert. Typ B verfügt über vergleichbare Fitnessbereiche, aber keine Freizeitwasseranlagen. Typ C ist ein einfacheres Low-Cost-Modell mit reduzierter technischer Komplexität. HVAC-Anlagen kommen in allen drei Typen vor, gelten in der Arbeit aber nicht als primäre Legionellenquelle, da sie keine aerosolbildenden Komponenten wie Kühltürme enthalten.
Vor den Feldbesuchen prüfte Monteiro die vorhandene Dokumentation: Präventions- und Kontrollpläne, Laborberichte des externen akkreditierten Kontrolllabors, Wartungsaufzeichnungen sowie die Daten aus Infraspeak, dem computergestützten Instandhaltungssystem (CMMS), das alle Standorte nutzen. Daraus entwickelte er ein strukturiertes Audit-Werkzeug in Excel. Es bewertet fünf Anlagenbereiche (allgemeine Anforderungen, Kalt- und Warmwassernetze, Klimaanlagen, Freizeitwassersysteme) entlang von sechs Prüfdimensionen: Dokumentation, Anlagenzustand, Betriebsverfahren, Überwachung, Aufzeichnungen und Personalwissen. Jede Position wird als konform, nicht konform oder nicht anwendbar eingestuft. Bei den Feldbesuchen mass Monteiro zusätzlich Temperatur und Restdesinfektionsmittel vor Ort und sprach mit den zuständigen Wartungsteams.
Die so gesammelten Befunde führte er in einer vierachsigen Kreuzanalyse zusammen: dokumentierter Rahmen, Vor-Ort-Beobachtungen und -Messungen, Wartungs- und Überwachungsaufzeichnungen sowie die digitalen Infraspeak-Daten. Zur Ursachenanalyse setzte er zwei Methoden aus dem Lean-Six-Sigma-Werkzeugkasten ein: die 5-Why-Technik und das Ishikawa-Diagramm, angewendet auf vier Themenbereiche – Dokumentation und risikobasierte Planung, Wartungsausführung und Betriebskontrolle, Datenrückverfolgbarkeit und digitale Integration sowie Freizeitwasser- und Aufbereitungssysteme.
Kein Keimnachweis, aber ein fragmentierter Prozess
In keiner der neun Anlagen wies die Untersuchung Legionellen nach, und die Ergebnisse deuten auf keine Verletzung gesetzlicher oder hygienischer Anforderungen hin. Die identifizierten Risiken lagen durchwegs in den unteren Bereichen der Risikomatrix, weil sie selten auftraten oder nur geringe Folgen gehabt hätten. Konkrete Zahlen zu Nichtkonformitäten – etwa wie viele Prüfpunkte je Standort als «nicht konform» bewertet wurden – veröffentlicht die Arbeit bewusst nicht: Die Ergebnisse werden aggregiert und anonymisiert dargestellt, um keine anlagenspezifischen Rückschlüsse zuzulassen.
Trotzdem identifizierte der Audit wiederkehrende Schwachstellen in vier Bereichen. Bei Dokumentation und Risikoplanung fehlte häufig der Abgleich zwischen Risikobewertung, Anlagenregister und tatsächlich installierten Systemen, und die Kriterien zur Einstufung von Wahrscheinlichkeit und Schweregrad blieben teils unklar. Bei der Wartungsausführung zeigte sich Variabilität in der Umsetzung von Routineprozeduren (Spülungen, Desinfektion von Zapfstellen und Duschköpfen, Temperaturkontrollen), verbunden mit unklaren Zuständigkeiten zwischen internen Teams und externen Dienstleistern.
Am deutlichsten fiel der Befund bei der Datenrückverfolgbarkeit aus: Wartungs- und Überwachungsinformationen liegen als Papierunterlagen, Excel-Dateien, Sanitärbücher, Laborberichte und Infraspeak-Datensätze nebeneinander vor, ohne zentrales digitales Register. Die Fünf-Warum-Analyse führte diese Fragmentierung letztlich auf das Fehlen eines standardisierten, integrierten Datenmodells zurück, das Wartungsaufgaben, Betriebsüberwachung, Analyseergebnisse und Präventionsdokumentation miteinander verknüpft. Infraspeak selbst wird primär zur Aufgabenverwaltung genutzt, kaum als Instrument für Trendanalysen oder Entscheidungsunterstützung. Das Ishikawa-Diagramm bestätigte diesen Befund über sechs Kategorien hinweg (Personal, Methoden, Anlagen, Daten, Messung, Management): Die Ursache sei nach Einschätzung des Autors systemisch und mehrdimensional bedingt – mit isolierten Einzelmassnahmen kaum zu beheben.
Die Empfehlungen folgen dieser Diagnose: technische Validierung und Standardisierung der Anlagenregister, klar formulierte und verantwortlich zugewiesene Wartungsprozeduren sowie eine schrittweise Zentralisierung der Aufzeichnungen in Infraspeak mit definierter Mindestdatenstruktur. Dazu gehören Kennzahlen wie die Erledigungsquote der präventiven Wartung, der Anteil überfälliger Aufgaben, die Häufigkeit wiederholter Korrekturmassnahmen und die Zeit bis zur Behebung erkannter Abweichungen. Eine IoT-gestützte Dauerüberwachung (etwa von Warmwassertemperatur, Rücklauftemperatur oder Restdesinfektionsmittel in Freizeitwassersystemen) empfiehlt die Arbeit erst als Pilotprojekt an einzelnen, technisch komplexen Standorten. Ohne solide Anlagenregister und Datenverwaltung drohe sie lediglich, zusätzliche Daten anzuhäufen, ohne dass daraus verwertbare Erkenntnisse entstünden. Priorität hat laut Monteiro zunächst die Validierung der Anlagen, dann die Standardisierung der Prozeduren und erst danach die Zentralisierung der Aufzeichnungen; Dashboards und Sensorik kommen an letzter Stelle.
Der Autor benennt die Grenzen seiner Arbeit selbst deutlich: Die Befunde stammen aus einem einzigen Unternehmenskontext mit neun Standorten und lassen sich nicht direkt auf andere Betreiber oder Bewirtschaftungsmodelle übertragen. Die Analyse stützt sich auf die zum Untersuchungszeitpunkt verfügbaren Unterlagen, und die Feldbesuche bilden nur eine Momentaufnahme: Saisonale Schwankungen von Stagnation, Aussentemperatur oder Kundenfrequenz erfasst die Untersuchung nicht. Auch die Empfehlungen selbst versteht Monteiro als Vorschläge, die vor einer Umsetzung noch interne Validierung, Priorisierung und eine Kosten-Nutzen-Abwägung benötigen.
Die Bedeutung dieser Arbeit
Diese Masterarbeit ist keine peer-reviewte Studie, sondern eine unternehmensinterne Auditarbeit im Rahmen eines akademischen Abschlusses. Wie der Autor selbst betont, schränkt das ihre Aussagekraft von vornherein ein. Neun Standorte eines einzigen Betreibers lassen sich nicht verallgemeinern, und ohne veröffentlichte Rohdaten zu Nichtkonformitäten bleibt offen, wie gross die gefundenen Lücken tatsächlich waren. Als Beleg für den Zustand der Legionellenprävention in Portugal oder anderswo taugt die Arbeit deshalb nicht; als methodisches Fallbeispiel für die Prozessseite der Prävention setzt sie dennoch ein klares Zeichen.
Der Kernbefund – Pläne und Vorschriften allein verhindern keine Legionellen, entscheidend ist die tatsächliche, rückverfolgbare Wartungsausführung. Das deckt sich mit zwei früheren IBH-Beiträgen aus unterschiedlicher fachlicher Richtung. Die grosse US-Datenauswertung Legionellen im Gebäude: Restchlor im Verteilnetz verhindert dies nicht zeigte epidemiologisch, dass ein höherer Restchlorgehalt im Verteilnetz Legionellenbefunde am Hahn nicht verlässlich verhindert; entscheidend ist die Hausinstallation. Das Schweizer Forschungsprojekt kam im LeCo-Projekt – Schweizer Legionellenforschung zum verwandten Schluss, dass Duschen hierzulande nicht die primäre Infektionsquelle sind. Die vorliegende Arbeit ergänzt diese Befunde um die organisatorische Ebene: Selbst wenn Anlage und Trinkwasserqualität stimmen, kann die Prävention an fragmentierter Dokumentation und ungenutzten Wartungsdaten scheitern. Drei methodisch unabhängige Zugänge (Epidemiologie, Forschungsprojekt, Prozessaudit) zeigen damit in dieselbe Richtung, was das Muster plausibler macht, ohne dass die drei Arbeiten sich gegenseitig statistisch stützen.
Für Schweizer Betreiber mit komplexen Wassersystemen (Fitnessanlagen, Hotels, Alters- und Pflegeheime) liegt die Analogie zur hiesigen Rechtslage nahe. Die TBDV (SR 817.022.11), das SVGW-Regelwerk W3/E3 und SIA 385/1 verlangen strukturell Ähnliches wie das portugiesische Gesetz Nr. 52/2018 und seine Ausführungsbestimmungen: Risikobewertung, Kontrollplan, dokumentierte Wartung. Ob Schweizer Betriebe an denselben Schwachstellen laborieren wie die neun untersuchten Fitnessstudios, zeigt diese Arbeit nicht. Sie liefert aber eine brauchbare Prüfliste für eine interne Auditierung: Stimmen Anlagenregister und digitale Wartungsplattform überein? Wird das Wartungssystem für Trendanalysen genutzt oder nur zur Aufgabenverwaltung? Sind Zuständigkeiten gegenüber externen Dienstleistern eindeutig geregelt? Interessant ist auch die Warnung vor einer vorschneller Digitalisierung: Der Autor warnt ausdrücklich davor, IoT-Sensorik einzuführen, bevor Anlagenregister und Datenpflege ausgereift sind. Der Hinweis gilt auch für Schweizer Liegenschaftsverwaltungen, die im Zuge der digitalen Wartungsplanung gerade selbst über CMMS-Einführungen entscheiden.