Innenraum-Mikrobiom-Methodik

106 Studien zeigen: Forschung fehlt ein gemeinsamer methodischer Standard

· mdu · #Metrologie, #Raumluftqualität, #Bakterien, #Schimmel, #PeerReview

Eine 24-köpfige Autor:innengruppe unter Federführung von Iva Šunić (Institut für Anthropologische Forschung, Zagreb) und Mario Lovrić hat im April 2026 in Environmental Microbiology Reports (Wiley, Open Access) 106 Studien aus den Jahren 2000 bis 2025 zur Methodik der Innenraum-Mikrobiom-Forschung ausgewertet. Die Arbeit entstand im Rahmen des IDEAL Cluster, eines von der EU über Horizon Europe finanzierten Forschungsverbunds mit den Teilprojekten EDIAQI, InChildHealth, K-HEALTHinAIR und TwinAIR. Sie ergänzt unseren Beitrag «Das Gebäude als komplexes mikrobiologisches Ökosystem» um die methodische Seite: Wie zuverlässig sind eigentlich die Verfahren, mit denen dieses Ökosystem erfasst wird?

Menschen verbringen 80 bis 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. Die dortige mikrobielle Zusammensetzung aus Bakterien und Pilzen in Hausstaub und Raumluft beeinflusst nachweislich Atemwegserkrankungen wie Asthma und Allergien, besonders bei Kindern. Die Forschung zu diesem «Innenraum-Mikrobiom» wächst rasch, liefert aber laut den Autor:innen aufgrund uneinheitlicher Methoden schwer vergleichbare Ergebnisse. Genau dieses Problem wollte die EU-Initiative IDEAL Cluster mit der vorliegenden Übersicht gezielt angehen.

Datenbeschaffung für die Übersichtsstudie

Die Suche beschränkte sich bewusst auf PubMed, um den Aufwand für die Dublettenbereinigung gering zu halten. Das schliesst laut eigener Angabe Studien aus umwelttechnischen oder gebäudetechnischen Fachzeitschriften aus, die dort nicht indexiert sind. Von 5'880 Treffern blieben nach Filterung auf frei zugängliche englischsprachige Studien mit Humandaten 777 übrig, von denen 106 die Einschlusskriterien erfüllten. Die Studien verteilen sich auf vier Typen: 50 rein ökologische Beschreibungen der mikrobiellen Vielfalt, 26 Querschnittsstudien zu Asthma und Allergien, 12 Längsschnittstudien sowie 18 Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien. Am häufigsten untersucht wurden Wohnungen (70 Studien), gefolgt von Schulen (14) und Kindertagesstätten (5). Hausstaub war mit 77 Studien die häufigste Probenmatrix.

Was die Methodenauswertung zeigt

Passive Probenahme durch Staubsaugen dominiert mit 66 von 106 Studien; nur 18 setzten ausschliesslich aktive Luftprobenahme ein. Bei der DNA-Extraktion war das PowerSoil-Kit (Qiagen) mit 30 Studien am gebräuchlichsten. Für die Sequenzierung nutzten über 90 Prozent der Studien Illumina-Plattformen, meist mit Amplikon-Sequenzierung der 16S-rRNA-Region für Bakterien und der ITS-Region für Pilze. Nur sechs Studien setzten auf Shotgun-Metagenomik, Verfahren mit langen Leselängen wie PacBio oder Oxford Nanopore blieben die Ausnahme. Bei der bioinformatischen Auswertung dominierte QIIME2 mit 19 Studien vor DADA2 mit 10.

Problematischer ist die Qualitätssicherung: 39 Prozent der sequenzierbasierten Studien machten keinerlei Angaben zu Negativ- oder Positivkontrollen, nur 16 Prozent nutzten beide Kontrollarten. Rohdaten stellten nur 39 Prozent öffentlich zur Verfügung, fast die Hälfte der Arbeiten teilte die Sequenzierdaten überhaupt nicht. Bakteriell dominieren in den ausgewerteten Studien menschenassoziierte Gattungen wie Staphylococcus, Streptococcus und Corynebacterium, bei den Pilzen Cladosporium, Aspergillus und Penicillium – Letztere gelten als eng mit Asthmaexazerbationen in feuchtebelasteten Wohnungen verknüpft.

Zwei der ausgewerteten molekularbiologischen Einzelstudien versuchten, den Zusammenhang zwischen Feuchteschäden und Asthma auf Genexpressionsebene nachzuweisen (Ndika et al. 2018; Suojalehto et al. 2021). Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei feuchtebedingtem Asthma liess sich kein eigenständiges, reproduzierbares Transkriptionsmuster von einer nicht-entzündlichen Kontrollgruppe abgrenzen, anders als beim klassischen allergischen Asthma.

Einordnung

Die Übersicht überzeugt durch ihre methodische Transparenz. Interessenkonflikte werden verneint und Förderquellen sind vollständig offengelegt. Darunter ein Beitrag des Schweizerischen Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) an das Teilprojekt InChildHealth. Die Autor:innen benennen zudem selbst, dass die PubMed-only-Suche bauphysikalisch orientierte Fachliteratur systematisch unterrepräsentiert – relevant für die bauhygienische Einordnung, weil ein grosser Teil der gebäudebezogenen Forschung zu Lüftung und Feuchte in genau jenen Zeitschriften erscheint, die hier nicht durchsucht wurden.

Der wichtigste Praxisbefund betrifft die Datenqualität selbst. Fast 40 Prozent der Sequenzierstudien arbeiten ohne jede Kontrolle und knapp die Hälfte teilt ihre Rohdaten nicht. Viele publizierte Aussagen zu «welche Bakterien oder Pilze in diesem Gebäude gefunden wurden» lassen sich damit kaum unabhängig nachvollziehen oder reproduzieren. Das relativiert auch Diagnoseansätze, die sich allein auf Mikrobiom-Sequenzierung als objektiven Beleg stützen.

Bemerkenswert ist zudem der referierte Befund zweier unabhängiger Transkriptom-Studien, wonach sich für feuchteassoziiertes Asthma bislang kein eigenständiges molekulares Muster nachweisen lässt. Das deckt sich mit unserer bisherigen Einordnung der CIRS-Forschung: Die klinische Assoziation zwischen Feuchteschäden und Atemwegsbeschwerden ist gut belegt, ein spezifischer Biomarker oder Wirkmechanismus auf molekularer Ebene aber weiterhin nicht gesichert. Aus den bisherigen Assoziationsstudien lässt sich ein spezifischer Krankheitsmechanismus nicht nachweisen, sie stützen aber den Verdacht auf einen relevanten Gesundheitseinfluss und sind aus Sicht der Vorsorge bei der Beurteilung feuchtegeschädigter Gebäude zu berücksichtigen.

Quelle: Šunić, I., Šarac, J., Havaš Auguštin, D. et al. (2026): The Indoor Microbiome: Sampling, Analysis and Emerging Trends. Environmental Microbiology Reports, 18(2), e70272.