Studie zu Schimmelrisiko von Dämmstoffen

Übersichtsarbeit vergleicht Prüfnormen und Schimmelanfälligkeit biobasierter Dämmstoffe

· mdu · #Metrologie, #Baustoff, #Schimmel, #PeerReview

Eine im Februar 2026 im Fachjournal npj Materials Degradation (Nature-Portfolio) erschienene Übersichtsarbeit stellt sechs internationale Prüfnormen und drei gängige Risikomodelle für die Schimmelanfälligkeit von Dämmstoffen einander gegenüber und wertet zusätzlich 164 technische Produktdatenblätter aus. Die Arbeit von Joni Wildman, Andrew Shea, Valeria Cascione und Daniel Henk schafft damit eine selten verfügbare Vergleichsgrundlage.

Der fachliche Hintergrund: Biobasierte Dämmstoffe wie Hanf, Stroh, Holzfaser oder Myzelverbundstoffe gewinnen aus Klima- und Kreislaufgründen an Bedeutung. Ihre organische Zusammensetzung liefert Pilzen jedoch grundsätzlich Nährstoffe, während gleichzeitig luftdichtere und stärker gedämmte Gebäudehüllen Feuchtigkeit schlechter abgeben. Diesen Zusammenhang hat das IBH bereits am Beispiel hochgedämmter Wohngebäude eingeordnet – die vorliegende Arbeit ergänzt diese Perspektive um die Materialebene.

Sechs Normen, drei Modelle, eine uneinheitliche Datenlage

Im Zentrum stehen die Normen ASTM D3273, ISO 846, EN 17886, ASTM C1338, ASTM G21 und EN 15101-1 Anhang F. Sie unterscheiden sich in den verwendeten Pilzstämmen, der Art der Inokulation, den Feuchte- und Temperaturbedingungen, der Prüfdauer und der Auswertungsmethode. Die meisten Verfahren arbeiten bei rund 85 bis 95 % relativer Luftfeuchtigkeit und etwa vier Wochen Dauer; bewertet wird überwiegend visuell auf einer Punkteskala.

EN 17886, seit 2023 in Kraft und speziell auf Dämmstoffe zugeschnitten, sieht Sterilisation der Proben, Inokulation mit einer Sporensuspension aus sechs Pilzstämmen, eine vierwöchige Inkubation sowie eine visuelle, mikroskopische und quantitative Auswertung vor. ASTM C1338 verfolgt einen anderen Ansatz: Geprüfte Proben werden mit einem Referenzmaterial verglichen, das die Vergleichsperson selbst auswählt. Diese Wahl beeinflusst das Ergebnis, weil sie auf relativer statt absoluter Schimmelresistenz beruht.

Für die Vorhersage des Schimmelrisikos ohne Laborversuch nennt die Arbeit das VTT-Schimmelmodell, Sedlbauers Isoplethensystem und das biohygrothermische Modell WUFI-Bio. Alle drei sind für vergleichende Risikoabschätzungen etabliert, bilden das Substrat und dessen Nährstoffangebot aber nur grob ab. Nach Einschätzung der Autor:innen bleibt die Klassierung eines Materials als risikoarm oder risikoreich ohne experimentelle Validierung unsicher.

Von 164 ausgewerteten technischen Datenblättern enthielten 45 % eine Aussage zur Schimmel- oder Pilzresistenz. Nur 19.5 % davon verwiesen dabei auf eine formelle Prüfnorm. Glas- und Mineralwolle machten am häufigsten solche Angaben, bei Hanf, Wolle, Holzfaser und Kork waren sie deutlich seltener.

Verschiedene Dämmstoffe im Vergleich

Polymerschäume und anorganische Faserstoffe

EPS gilt als chemisch weitgehend inert und hydrophob. Eine Untersuchung an 21 Baustoffen ermittelte bei 22 °C eine kritische Luftfeuchtigkeit von über 95 % für Schimmelwachstum. XPS zeigte in einem Test mit sechs verbreiteten Innenraumpilzen unter den geprüften Bedingungen kein Wachstum; PUR/PIR erwies sich in den wenigen verfügbaren Studien ebenfalls als beständig. Mineralwolle ist als anorganisches Material selbst kaum Nährstoffquelle; Glaswolle blieb bei 92 % relativer Feuchte über 52 Wochen schimmelfrei, zeigte bei 96 % leichtes und bei 100 % starkes Wachstum.

Pflanzenbasierte Dämmstoffe

Zellulosedämmstoffe, meist mit Boraten behandelt, zeigten bei hoher Feuchte dennoch Wachstum. Die Wirkung der Borate lässt durch Auswaschung nach. Hanfbeton war bei 100 % relativer Feuchte stark von Aspergillus und Penicillium besiedelt, bei rund 55 % dagegen unauffällig. Kork lieferte je nach Inokulationsart widersprüchliche Resultate und muss laut den Autor:innen produktspezifisch beurteilt werden.

Stroh gilt unterhalb von etwa 15 bis 20 % Feuchte auf Trockenbasis als vergleichsweise unkritisch; oberhalb von 20 bis 25 % steigt das Risiko deutlich. Holzfaserdämmstoffe zeigten bei moderater Feuchte nur geringes, bei direktem Wasserkontakt aber deutlich stärkeres Wachstum. Eine hydrophobe Behandlung mit Octadecyltrichlorsilan verhinderte in einer Studie das Wachstum selbst bei 100 % relativer Feuchte vollständig.

Wolle und Myzelverbundstoffe

Schafwolle blieb bei 60 % relativer Feuchte weitgehend schimmelfrei; bei 96 bis 100 % nahm das Wachstum jedoch deutlich zu. Myzelbasierte Verbundstoffe – Dämmstoffe, bei denen Pilzmyzel lignozellulosehaltiges Substrat bindet – zeigten unter 90 bis 100 % relativer Feuchte teils sehr hohe Schimmelbedeckung, mit grosser Abhängigkeit vom verwendeten Pilzstamm. Eine Vorbehandlung mit inaktivierten Sporen verbesserte bei einzelnen Stämmen die Resistenz.

Strategien zur Verbesserung der Schimmelbeständigkeit

Borverbindungen hemmen die Sporenkeimung, wirken aber nicht vollständig und verlieren durch Auswaschung an Wirkung. Ätherische Öle, Chitosan und Propolis zeigen antifungale Eigenschaften bisher nur in vitro. Für Nanopartikel aus Silber, Kupfer oder Zinkoxid lagen zum Zeitpunkt der Übersichtsarbeit noch keine spezifischen Untersuchungen an Dämmstoffen vor.

Methodische Grenzen und praktischer Nutzen

Die Arbeit ist als narrative Übersicht angelegt, nicht als systematischer Review mit offengelegtem Suchprotokoll oder Ein- und Ausschlusskriterien. Wie viele der zugrunde liegenden Einzelstudien gesichtet und warum gerade diese ausgewählt wurden, bleibt offen. Das schränkt die Nachvollziehbarkeit ein, auch wenn die Materialauswahl im Ergebnis breit wirkt.

Die referenzierten Einzelstudien unterscheiden sich in Pilzstämmen, Feuchte- und Temperaturregimen, Expositionsdauer und Auswertungsmethode so stark, dass sich daraus keine quantitative Gesamtaussage bilden lässt. Die Befunde bleiben Tendenzen einzelner Versuche, keine belastbaren Effektgrössen über Studien hinweg. Hinzu kommt, dass die genormten Prüfbedingungen – konstant hohe Feuchte über rund vier Wochen – die schwankenden Verhältnisse realer Bauteile kaum abbilden; ein im Labor resistentes Produkt kann sich unter wechselnder Feuchte anders verhalten.

Bei ASTM C1338 erschwert zusätzlich die freie Wahl des Vergleichsmaterials die Interpretation, wie die Autor:innen selbst festhalten. Auch die grosse Variabilität zwischen Produkten derselben Materialklasse – etwa bei Holzfaser oder Kork – relativiert Aussagen auf Klassenebene: Aus dem Befund an einem Produkt lässt sich nicht ohne Weiteres auf die gesamte Materialgruppe schliessen. Und die Datenblattauswertung zeigt eine eigene Schwachstelle der Praxis: Wenn nur ein Fünftel der Resistenzangaben auf eine Prüfnorm verweist, bleiben die übrigen vier Fünftel für Fachleute nicht nachprüfbar.

Zur Vorsicht mahnt insbesondere der Befund zu den Produktdatenblättern: Eine Resistenzangabe ohne genannte Prüfnorm ist eine Behauptung, keine geprüfte Eigenschaft. Neuere Produkte wie Nanopartikel-Beschichtungen oder vorbehandelte Myzelverbundstoffe sind vielversprechend, aber nach dem Stand dieser Übersicht noch nicht am Produkt validiert – Werbeaussagen dazu sind entsprechend zu hinterfragen.

Wichtiger als die Materialwahl bleibt aus Sicht des IBH ohnehin das Feuchtemanagement: Selbst die resistentesten Materialien versagen bei anhaltender Durchfeuchtung, wie die Daten zu Glaswolle und Hanfbeton bei 100 % relativer Feuchte zeigen. Wie sich Feuchtetransport in Bauteilen rechnerisch abbilden lässt, hat das IBH kürzlich am neuen WTA-Merkblatt 6-2 zur hygrothermischen Simulation dargestellt – ein Ansatz, der die hier beschriebenen Prüfnormdaten als Materialkennwert benötigt und damit direkt von besserer Produkttransparenz profitieren würde.

Aus unserer Sicht liegt der praktische Wert dieser Übersicht weniger in der Materialbeschreibung als in der methodischen Bestandsaufnahme selbst: Sie macht sichtbar, wie uneinheitlich Schimmelresistenz heute geprüft und kommuniziert wird. Die Kernempfehlung der Autor:innen, einzelne Produkte statt ganzer Materialklassen zu prüfen, ist deshalb nachvollziehbar – deckt sich aber auch mit den Grenzen, die ihre eigene Datenlage aufzeigt.

Quelle: Wildman, J., Shea, A., Cascione, V., Henk, D. (2026): Mould susceptibility of bio-based insulation materials in modern construction. npj Materials Degradation, 10, Artikel 29. DOI 10.1038/s41529-026-00742-7