Innenraumbegrünung verbessert das Wohlbefinden, ersetzt aber keine Lüftung
Ein internationales Review wertet 26 Begrünungssysteme aus. Topfpflanzen reinigen die Raumluft kaum messbar, der Komfortgewinn ist real. Für die Luftqualität bleiben Quelle, Lüftung und Filtration entscheidend
Pflanzen im Raum gelten vielen als einfache Massnahme für bessere Luft. Ein internationales Review in «Building and Environment» relativiert diese Erwartung. Das Team um Prashant Kumar an der University of Surrey beurteilte 26 Begrünungssysteme von der Topfpflanze über die Pflanzenwand bis zum hydroponischen Turm. Das Ergebnis: Wenige passive Pflanzen verbessern die Raumluft im realen Betrieb kaum messbar. Der Gewinn bei Behaglichkeit und Wohlbefinden ist dagegen belegt.
Was das Review prüft
Die Übersicht bündelt die Einschätzung von 35 Fachleuten aus mehreren Ländern und führt einen Bewertungsrahmen mit zehn Leitfragen ein. Ein Kernpunkt der Kritik an der bisherigen Forschung: Viele frühere Befunde stammen aus kurzen Versuchen in abgedichteten Kammern und bilden den realen Betrieb nicht ab, in dem Lüftung, Belegung, wechselnde Quellen und Unterhalt zusammenwirken.
Bei der Behaglichkeit zeigt sich ein wiederkehrender Effekt. Manche Systeme verbessern das empfundene Wärmeempfinden um bis zu rund 2 Grad Celsius, ohne dass die gemessene Raumlufttemperatur im gleichen Mass sinkt. Die Autorenschaft warnt davor, das als Kühlung zu lesen; das Wärmeempfinden hängt nicht allein von der Lufttemperatur ab, sondern auch von Mikroklima und Wahrnehmung.
Bei der Luftreinigung fällt die Bilanz nüchtern aus. Eine nennenswerte Minderung von Feinstaub oder flüchtigen organischen Verbindungen ist eher zu erwarten, wenn Begrünung als technisches Luftbehandlungssystem ausgelegt wird, etwa als aktive Pflanzenwand mit erzwungener Durchströmung. Wenige passive Topfpflanzen in einem belüfteten Raum können dagegen mit der Verdünnung durch die Lüftung nicht mithalten; ihr Effekt bleibt lokal, vorübergehend oder im Raummassstab kaum nachweisbar. Entscheidend ist nicht die Zahl der Pflanzen, sondern der Anteil der Raumluft, der tatsächlich durch die wirksame Reinigungszone strömt. Das CO2-Problem lösen Pflanzen gegenüber einer ausreichenden Lüftung nicht.
Einordnung für die Schweiz
Für die Praxis stützt das Review eine klare Reihenfolge. Wer die Innenraumluft verbessern will, beginnt bei der Quelle, etwa bei emissionsarmen Materialien und bei der Abluft in der Küche, und sorgt für eine angemessene Lüftung oder Filtration. In gut gelüfteten Räumen verändert eine Handvoll Topfpflanzen die Luftchemie nicht wesentlich.
Das passt zur Schweizer Bau- und Lüftungspraxis. Wo eine kontrollierte Wohnraumlüftung den nötigen Luftwechsel sicherstellt, ist Begrünung eine Ergänzung für Behaglichkeit und Wohlbefinden, kein Ersatz für die Lüftung. Bei aktiven Pflanzenwänden sind zudem Feuchteeintrag und Unterhalt zu beachten: zusätzliche Verdunstung erhöht die latente Last und das Risiko von Feuchteschäden, wenn Lüftung oder Entfeuchtung nicht mitgeplant sind. Begrünung gehört damit in die Planung des Innenraumklimas, nicht an deren Stelle.
Hinweis: Publikationsdatum der Primärquelle Februar 2026, ausserhalb des engeren 30-Tage-Fensters; im Auftrag in die Auswahl aufgenommen. Datum dieses Beitrags auf den Recherchetag (12.06.2026) gesetzt.