Retrofit und Feuchte
Was eine systematische Übersicht zu 120 Studien über hygrothermische Sanierungsrisiken zeigt
Eine im März 2026 im Fachjournal Sustainability (MDPI) erschienene systematische Übersichtsarbeit von Muhammad Kashif, Saif Ul Haq, Musaddaq Azeem und Hafiz Muhammad Asad Ali fasst 120 Studien aus den Jahren 1994 bis 2026 zum Zusammenhang zwischen energetischer Sanierung, hygrothermischem Verhalten und der Gesundheit der Bewohnerschaft zusammen. Das Thema knüpft an unseren Beitrag «Das Energieeffizienz-Dilemma» an, geht mit einer systematischen Literaturbasis aber deutlich darüber hinaus.
Der Umbau des Gebäudebestands zu Netto-Null-Energie-Gebäuden gilt international als zentrales klimapolitisches Instrument. Energetische Sanierungen senken den Energieverbrauch nachweislich, mit verbesserter Dämmung, erhöhter Luftdichtheit und moderner Lüftungstechnik. Wird dabei der Feuchtehaushalt der Gebäudehülle vernachlässigt, drohen laut den Autoren jedoch Kondensation, Schimmelbildung, Materialschäden und eine verschlechterte Raumluftqualität. Die Übersichtsarbeit bezeichnet diesen Zielkonflikt als «Energie-Feuchte-Dilemma».
Wie die Übersicht aufgebaut ist
Die Autoren werteten Scopus und ergänzend Google Scholar aus und kamen nach Dublettenbereinigung und Screening von rund 1'100 Titeln auf 120 eingeschlossene Studien; an anderer Stelle im Text nennt die Arbeit 126 Studien, ohne den Unterschied zu erklären. Wegen der Heterogenität der Studiendesigns – numerische Modellierung, Feldbeobachtung, Fallstudien – verzichteten die Autoren bewusst auf eine Meta-Analyse und werteten stattdessen thematisch-vergleichend aus.
Energieeinsparung gegen Feuchterisiko
Über alle Klimazonen hinweg berichten die ausgewerteten Studien Energieeinsparungen von 18 bis 45 Prozent, an anderer Stelle nennt die Arbeit eine engere Spanne von 15 bis 25 Prozent. Gleichzeitig stieg das Auftreten feuchtebedingter Bauschäden in ungünstig sanierten Gebäuden kalter Klimazonen um bis zu 32 Prozent. Der Vergleich zwischen Klimazonen zeigt unterschiedliche Schwerpunkte: In kalten und gemässigten Regionen dominiert das Risiko von Tauwasser im Bauteilinneren, in heiss-feuchten Regionen die erhöhte Innenraumfeuchte bei gekühlten, aber unzureichend entfeuchteten Räumen.
Drei vertiefte Fallstudien stützen diesen Befund: sanierte Massivwandhäuser in Grossbritannien, Aussenwanddämmung an historischen Betonbauten in Südkorea sowie ein Systemvergleich dampfsperrender und kapillaraktiver Innendämmung in Belgien. Eine falsch platzierte Dampfsperre kann demnach Feuchte im Bauteil einschliessen, während kapillaraktive Systeme das hygrothermische Verhalten der ungedämmten Wand eher erhalten.
Gesundheitlich stützt sich die Übersicht auf einen von der WHO zitierten Zusammenhang, wonach Feuchte und Schimmel in Wohnungen das Asthmarisiko um bis zu 50 Prozent erhöhen. Bei Kindern werden Atemwegsinfekte und Husten nach Feuchteexposition um 30 bis 70 Prozent häufiger genannt. Eine der zitierten Studien bringt zudem erhöhte Innenraumfeuchte bei älteren Menschen mit erhöhten Entzündungsmarkern und Herz-Kreislauf-Risiko in Verbindung; eine Reduktion der relativen Feuchte von 75 auf 45 Prozent per Entfeuchter habe sich in dieser Studie günstig ausgewirkt.
Einordnung
Als systematische, aber nicht meta-analytische Übersicht bündelt die Arbeit vor allem bereits publiziertes Wissen zu einem in der Bauhygiene lange bekannten Prinzip: Luftdichtheit ohne abgestimmtes Lüftungs- und Feuchtekonzept verlagert das Problem, statt es zu lösen. Dieselbe Kernaussage vertreten auch die WTA-Merkblätter zur Luftdichtheit im Bestand und zur hygrothermischen Simulation. Der Mehrwert der vorliegenden Arbeit liegt in der quantifizierten, klimazonenübergreifenden Zusammenschau bekannter Zusammenhänge.
Aus Sicht des IBH mahnt die Qualität der Arbeit selbst zur Vorsicht bei den genannten Zahlen. Zwei der vier Autoren sind bei einer kommerziellen Energiedienstleistungsfirma (Green Energy and EPC Services Ltd., UK) angestellt – offengelegt, aber bei einer Arbeit mit klarer Sanierungsempfehlung nicht unerheblich. Die eingeschlossene Studienzahl schwankt im Text zwischen 120 und 126, ebenso die genannte Energieeinsparung zwischen 15 bis 25 und 18 bis 45 Prozent, ein Hinweis auf lückenhaftes Lektorat. Einzelne Passagen übernehmen zudem plausibel klingende, aber schlecht belegte Einzelbehauptungen ungeprüft, etwa dass Mykotoxine über die Blut-Hirn-Schranke «Neo-Antigene» bilden und Autoimmunerkrankungen auslösen würden. Solche Aussagen ähneln der CIRS-Literatur, die wir bereits an anderer Stelle als wissenschaftlich nicht unabhängig validiert eingeordnet haben, und gehören nicht unkommentiert in eine bauphysikalische Übersichtsarbeit.
Der Kernbefund bleibt trotzdem tragfähig: Energetische Sanierung und Feuchteschutz sind kein Gegensatz, sie müssen gemeinsam geplant werden. Aus der Übersicht lässt sich ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch feuchtebedingte Sanierungsfehler nicht in jedem Einzelfall nachweisen, die zusammengetragene Evidenz stützt aber den Verdacht auf ein relevantes Risiko und ist aus Sicht der Vorsorge bei der Sanierungsplanung zu berücksichtigen.